Baubanner für Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste an der Deutz- Mülheimer Straße

Zukunft aus Bestand

– wie sechs Bauzaunbanner ein unbequemes Denkmal erzählbar machen

Für raum13 im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste hat icon eine Kampagne aus Typografie, Text und Produktion entwickelt. Sie zeigt, warum die Geschichte eines Ortes in der Quartiersentwicklung kein Rückblick ist, sondern ein Anker für Identifikation.

An der Deutz-Mülheimer Straße steht Kölns Industriegeschichte in Reihe: Gasmotoren-Fabrik Deutz, Lindgens-Areal, Van der Zypen & Charlier, Postbahnhof. „Unbequeme Denkmale“ nennt die Rheinische Industriekultur solche Bauten – im Denkmalwert diskutiert, fürs Ortsbild entscheidend. Unbequem ist ihr Erhalt, und dass sie sich nicht von selbst erklären: Wer vorbeifährt, sieht Backstein, Absperrung, Graffiti. Nicht den Ort, an dem 1869 die erste Motorenfabrik der Welt entstand.

Genau dort arbeitet raum13 seit 2011 am Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste und macht aus einem Industrieareal ein Reallabor. Das Otto-Langen-Quartier soll Kultur, Gewerbe und Wohnen mischen; der Kölner Ratsbeschluss von 2021 verpflichtet die Entwicklung ausdrücklich auf Gemeinwohlorientierung.

„Jedes Areal hat eine Geschichte, bevor der erste Bagger kommt. Wer sie erzählt, würdigt sie und nutzt sie als engagierte Nachfolge. Der Bauzaun ist die erste Gelegenheit dazu: für viele Menschen über Jahre die einzige Berührung mit dem Projekt, und damit die meistgelesene Fläche, die eine Entwicklungsunternehmung besitzt.“
Eva Rusch, Geschäftsführerin icon

Sechs Motive, inszeniert an denkmalgeschützer Fassade

Sechs großformatige Banner entlang der Deutz-Mülheimer Straße, jedes mit einem Wort: Hope, Courage, Schönheit, Enjoy, Origin, Built – dazu je eine Setzung im Modus „Die Kunst der …“: der Transformation, der Revolution, der Demokratie, der Begegnung, des Erbes, der Freilegung. Ausgangspunkt waren vier Typobilder von Katrin Zellmer. icon hat diese Bildwelt in ein durchgängiges System überführt und um zwei Motive erweitert: Origin erzählt die Herkunft – 1869, die „Wiege der Weltmotorisierung“. Built macht den Umbau als offenen Prozess sichtbar, mit den Phasenzeichnungen von Bachmann Badie Architekten direkt auf dem Banner. Aus vier Arbeiten wurde eine Reihe: ein Magenta, ein Raster, eine Typo-Logik, sechs Themen. Konzept, Gestaltung, Text und Produktion von icon.

Was Kulturmanager:innen daran interessiert

Kulturorte in Transformationsprozessen erreichen mit ihrem Programm ein Publikum, das bereits da ist. Ihre Wirkung entfaltet sich aber auch bei denen, die nie oder noch nicht hineingehen: Nachbarschaft, Verwaltung, Politik, Presse. Der Bauzaun erreicht sie verlässlich – rund um die Uhr, ohne Reichweitenkosten, am Ort selbst. Drei Prinzipien haben sich bewährt:

  • Ein Wort pro Fläche. Im Vorbeifahren bleibt eine Sekunde. Die Vertiefung übernimmt der Fließtext für die, die stehen bleiben – der QR-Code für die, die weiterlesen wollen.

  • Haltung statt Ankündigung. Kein Motiv bewirbt einen Termin. „Wer entscheidet über Stadt?“ trägt auch in zwei Jahren – in Förderanträgen, Führungen, Presseanfragen.

  • Serie statt Einzelstück. Sechs Motive erzeugen einen Rhythmus im Straßenraum und liefern sechs Social-Media-Assets, sechs Presseanlässe, sechs Argumentationslinien.

Herkunft als Anker: was die Quartiersentwicklung daran interessiert

Lage, Ausstattung, Energiekennwerte, Nutzungsmix – all das ist planbar. Identifikation nicht. Ob Menschen einen Ort als ihren erkennen, entscheidet sich daran, ob er eine Geschichte hat, die man erzählen kann, und ob jemand sie erzählt. Industriegeschichtliche Orte bringen sie mit. Sie sind Rohstoff für Adressbildung, Unverwechselbarkeit und die Bindung künftiger Bewohner:innen, Nutzer:innen und Beschäftigten.

Die Bundesstiftung Baukultur hat mit dem Bericht „Neue Umbaukultur“ die graue Energie im Bestand zur „goldenen Energie" erklärt – Bauen im Bestand ist rechenbar geworden. Weniger selbstverständlich ist der kulturelle Teil derselben Rechnung, das S in ESG: Zugehörigkeit entsteht nicht durch Erhalt allein, sondern dadurch, dass der Bestand spricht. Und nicht kurzfristig.

Daraus folgen zwei praktische Punkte. Erstens: Wer die Geschichte eines Ortes früh lesbar macht, verhandelt später weniger über Erklärungen und mehr über Inhalte – im Genehmigungsprozess, in der Nachbarschaft, in der Vermietung. Zweitens: Diese Erzählung gehört dorthin, wo der Ort ohnehin wahrgenommen wird. Der Bauzaun trägt mehr als ein Logo.

Kulturkommunikation als Übersetzungsleistung

Dieselbe Fläche, dieselbe Typografie, dieselben sechs Begriffe – lesbar für die Nachbarschaft, zitierfähig für die Presse, anschlussfähig für Kulturförderung, Verwaltung und Projektentwicklung. Design, Text, Produktion aus einer Hand. Damit ein Ort mit Geschichte auch als solcher gelesen wird.

Kampagne: icon Kommunikation für Kultur und Wirtschaft GmbH für raum13 – Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste. Headline-Typografie (Hope, Courage, Schönheit, Enjoy): Katrin Zellmer. Fotos: raum13 (Kolacek & Leßle), Günter Krämmer, RWWA. Zeichnungen (Motiv „Built"): Bachmann Badie Architekten.

Sie entwickeln ein Quartier mit Geschichte – oder einen Kulturort, der darin eine Rolle spielt?: eva.rusch@icon-design.de